''Aufmerksam sein, ohne übereilt zu handeln''

Sigrid Richter-Unger leitet die Berliner Beratungsstelle KIND IM ZENTRUM, eine Einrichtung für sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche und ihre Familienangehörigen. Childhood förderte das Projekt zum ersten Mal 2004. Seit einem Jahr unterstützt die Stiftung jetzt eine "Zweigstelle", KIND IM ZENTRUM in Wittenberg. Childhood sprach mit Sigrid Richter-Unger:


Frau Richter-Unger, wie ist das Projekt in Wittenberg angelaufen?

 

Es wird gut angenommen. Zum einen kooperieren die Mitarbeiter bei Präventionskonzepten beispielsweise mit Schulen, Tagesstätten, Jugendämtern und Kinderärzten. Zum anderen melden sich betroffene Eltern und Kinder in der kleinen Beratungsstelle. In Wittenberg geht es jetzt darum, die Weiterfinanzierung zu sichern.

 

Wie sieht eigentlich der Alltag in der Beratungsstelle - in Ihrem Fall in Berlin -  aus?

 

Wir haben zum Beispiel täglich Telefonzeiten. Da wenden sich Eltern oder auch Jugendämter an uns, um mehr über Therapien zu erfahren, Institutionen generell, aus deren Fragen sich dann Beratungsangebote entwickeln. Kinder rufen seltener direkt bei uns an; eher Jugendliche. Wir bekommen aber auch Anrufe von Kindertagesstätten, in denen es Vorfälle gab. Dazu zählen sexualisierte Übergriffe unter Kindern.

 

Das kann man sich kaum vorstellen...

 

Wir haben das Gefühl, dass die Aggressivität bei jungen Kindern auf diesem Gebiet zunimmt. Deshalb setzten wir viel auf Prävention. Sexualpädagogik in Kitas zum Beispiel. Manchmal fehlt einfach der Zugang. In unserer Gesellschaft passiert viel – aber keiner spricht darüber, keiner schaut richtig hin. Oft herrscht einfach auch nur Sprachlosigkeit. Deshalb ermutigen wir die Eltern immer wieder, mit ihren Kindern zu sprechen. Aber viele Eltern sind überfordert.

 

Wenn sich Jugendliche an Sie wenden: Ähneln sich die Leidensgeschichten der Betroffenen?

 

Die Fälle sind schon ganz unterschiedlich. Es kann sich um sexuelles Mobbing handeln, das die Betroffenen beschäftigt. Aber meist geht es um das familiäre Umfeld, um Väter, Stiefväter oder andere Verwandte.

 

Wo sind wir alle gefordert?

 

Wir müssen hinschauen – überall da, wo Kinder sind. Das können vor allem die Verantwortlichen in Schulen, Freizeiteinrichtungen, Krankenhäusern. Alle Einrichtungen müssen für sich selbst Umgangs- und Präventionsformen entwickeln. Und aufmerksam sein, ohne übereilt zu handeln.

 

Und wo wünschen Sie sich mehr Unterstützung?

 

Es hakt immer bei der Finanzierung. Man darf nicht vergessen, dass zum Beispiel unsere Angebote für die Betroffenen kostenfrei sind. Zwar hat das Thema sexuelle Gewalt an Minderjährigen in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit erhalten. Das ändert aber nichts daran, dass die finzielle Lage bedenklich ist. Projekte zum Schutz der Kinder müssen nachhaltig und langfristig finanziert werden. Stiftungen wie Childhood können Anschubfinanzierung leisten. Aber dann müssen auch Kommunen aktiv werden und ihren finanziellen Beitrag liefern.

 

Seit rund drei Jahren sind Sie Mitglied im Projektausschuss von Childhood. Was ist Ihnen dabei wichtig?

 

Wir diskutieren im Projektausschuss über Anträge zur Förderung, beurteilen die Projekte fachlich, fragen uns, ob sie zu den Themenschwerpunkten der Stiftung passen. Gibt es bereits ähnliche Angebote in der Region, sind die beantragten finanziellen Mittel angemessen? Manchmal gibt es unter uns unterschiedliche Einstellungen. Aber am Ende sind wir uns einig. Und ich finde es gut, dass ich mich für Projekte, die wertvolle Arbeit leisten, stark machen kann.

 

Und welche Bedeutung hat die Arbeit von Childhood für Sie?

 

Es ist schon enorm, was Königin Silvia angestoßen und bewegt hat. Mir bedeutet es viel, weil von Childhood Projekte gefördert werden, die sich für die sexuelle Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen einsetzen und Kinder vor sexueller Gewalt schützen. Das ist mir persönlich ein großes Anliegen.

 

 

Interview: Christina Mänz

Foto: zur Verfügung gestellt von Sigrid Richter-Unger

 

Weitere Infos:

http://www.ejf.de/einrichtungen/beratungsstellen/kind-im-zentrum-kiz.html

 

http://www.ejf.de/beratungsstellen/sexueller-missbrauch-beratung/kiz-wittenberg.html

 

 

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