Childhood Intern / Prof. Dr. Jörg Fegert

Eine Stiftung kann nur erfolgreich sein, wenn sie von Menschen mit Herz und Verstand unterstützt wird. Einer von ihnen ist Professor Dr. Jörg Fegert, Ärztlicher Direktor der Ulmer Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Im Interview spricht der anerkannte Wissenschaftler und Experte über sein ehrenamtliches Engagement für Childhood und darüber, wie jeder einzelne dazu beitragen kann, Gewalt an Kindern zu verhindern.

Herr Professor Fegert, wie sind Sie zur World Childhood Foundation gekommen? 

Über verschiedene Wege: Zunächst als Vortragender auf Veranstaltungen, dann auch als Antragssteller. Die Stiftung hat zwei Projekte meines Teams unterstützt: Eines zur besseren Hilfeprozesskoordination in Kinderschutzfällen, ein anderes zu traumatisierten Pflegekindern*. Als mich dann Professor Martinius fragte, ob ich nicht ebenfalls im Projektausschuss von Childhood mitwirken wolle, habe ich zugesagt.

Was bedeutet Ihnen die Arbeit im Projektausschuss von Childhood?

FegertEs ist für mich vor allem eine Verpflichtung, meinen fachlichen Beitrag dazu zu leisten, dass die Gelder möglichst bestimmungsgemäß und erfolgsversprechend eingesetzt werden.

Childhood profitiert von Ihrem großen Wissen und Ihrer reichen Erfahrung als Ärztlicher Direktor der Ulmer Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Welches sind Ihre Hauptkriterien für die Beurteilung von Projekten?

Zentrale Punkte sind die Machbarkeit, die stimmige Konzeption und die Frage, ob die Förderung durch Childhood tatsächlich notwendig ist oder andere finanzielle Ressourcen zur Verfügung stehen. Primär wird geprüft, ob eine Initiative dem Ziel von Childhood entspricht. In den letzten 20 Jahren habe ich sehr viele Forschungs- und Praxismodell-Projekte im Kinderschutz geleitet, sodass ich auch in der Erfolgs-Einschätzung eine Expertise entwickelt habe. Je besser man im Vorfeld ein Projekt bespricht und begleitet, desto höher ist die Erfolgschance. Und dies kommt schließlich den betroffenen Kindern zugute.

Welche Art von Projekten liegt Ihnen besonders am Herzen?

Solche, die es schaffen, die Brücke zwischen nicht erreichbaren Kindern (die bei allen Institutionen durchs Netz fallen) und den Regelangeboten zu verringern. Projekte sollen innovativ sein und müssen evaluiert werden: Ist eine Initiative nur gut gemeint oder auch wirklich gut gemacht? Denn manches, was einleuchtend klingt, funktioniert in der Praxis dann doch nicht. Insofern bewerte ich Projekte positiv, die auch ihr mögliches Scheitern reflektieren, die kreativ Anpassungen vornehmen.

Weshalb ist die Arbeit von Childhood so wichtig?

 

Der Stiftung gelingt es, Verständnis für die Notwendigkeit zu wecken, allen Kindern eine Zukunftschance zu geben. Sexuell missbrauchte, vernachlässigte, misshandelte Kinder haben oft keine Lobby. Childhood organisiert durch exzellente Vernetzung mit sehr vielen Förderern nachhaltig Lobby für diese Mädchen und Jungen. Der Einsatz für entrechtete Kinder ist somit seit langem kein Schmuddelthema mehr. Königin Silvia hat zudem mit ihrem persönlichen Engagement sehr viele Türen geöffnet, die einzelnen Projekten verschlossen geblieben wären. Childhood zeigt also, wie man richtige Erkenntnisse tatsächlich in Engagement umsetzen und durch eine nachhaltige Strategie mit einer weltweiten Perspektive voranbringen kann.

 

Das Thema Kinderrechte und Kinderschutz ist umfassend - wo sollten in  Deutschland Schwerpunkte gesetzt werden?

 

Auch in reichen Ländern mit gut funktionierenden Strukturen ist konkrete Unterstützung in Missbrauchsfällen oft schwierig. Dazu gehört der Zugang zu vorhandener Hilfe, die Möglichkeit, sich anvertrauen zu können. Am Runden Tisch zum Thema sexueller Kindesmissbrauch wurde deshalb insbesondere die Vernetzung zwischen dem Gesundheitswesen und den Angeboten der Jugendhilfe gefordert.

 

Jüngst wurde die aktuelle Kriminalstatistik zu Gewalt an Kindern vorgestellt.  Dazu hieß es, die Zahl der Missbrauchsopfer sei in Deutschland angestiegen. Ist dem so - oder ist das Bewusstsein für das Thema gestiegen?

In den letzten zweieinhalb Jahren war ich sehr stark in den Aufarbeitungsprozess des sogenannten Sexuellen Missbrauchsskandals involviert; unter anderem durch die Begleitforschung für die Unabhängige Beauftragte Frau Dr.Bergmann, durch den Runden Tisch und die Mitwirkung in zahlreichen Arbeitsgruppen. Das Interesse an dem Thema war so groß wie nie. Wir konnten einen klaren Zusammenhang zwischen Medieninformation und Anrufen von Betroffenen feststellen. Die Kampagne „Wer das Schweigen bricht, bricht die Macht der Täter", die unter anderem von Wim Wenders realisiert wurde, war extrem erfolgreich und hat sehr viele Betroffene ermutigt, sich mitzuteilen. Dieses veränderte gesellschaftliche Klima führt natürlich auch zu einer erhöhten Anzeigebereitschaft. Ich gehe deshalb nicht davon aus, dass sexueller Missbrauch in den letzten Jahren zugenommen hat. Aber die Grenze zwischen dem sogenannten Hell- und Dunkelfeld hat sich verschoben.

Was kann jeder einzelne tun, um Gewalt an Kindern zu verhindern?


In unserer Verfassung ist in Artikel 6 des Grundgesetzes sehr schön die Balance zwischen Elternverantwortung und der Verantwortung der staatlichen Gemeinschaft dargestellt. Natürlich ist die Erziehung von Kindern, die Fürsorge für Kinder primär Pflicht und Aufgabe der Eltern. Sie brauchen dabei aber auch Unterstützung. Und wenn sie scheitern, müssen auch Grenzen aufgezeigt werden.

 

Wir alle können außerdem viel mehr dazu beitragen, dass jedes Kind in dieser Gesellschaft eine Chance auf freie Entfaltung bekommt. Dies hängt immer noch zu stark von den familiären Voraussetzungen ab. Es wäre sinnvoll, Kinderrechte in Artikel 2 durch ein besonderes Recht auf Förderung ihrer Entwicklung zu verankern. Nur so kann wirklich ihr Recht auf spätere Persönlichkeitsentfaltung gewährleistet werden.

 

Wir alle sind also aufgerufen, für Kinder ein offenes Ohr zu haben und sensibel zu reagieren, wenn sie sich auffällig verhalten, wenn sie Hilfe brauchen. Wir können zudem Kinder mit unseren Mitteln fördern,  sie zum Beispiel für unsere Berufe und für die Verantwortungsübernahme im Ehrenamt begeistern. Gerade die Vorbildfunktion hat in der Persönlichkeitsentwicklung eine große Bedeutung. Auch deshalb ist das Engagement für Childhood und von Childhood für mich sehr wesentlich.

 

 

Interview: Christina Mänz

Foto: Uniklinilk Ulm

 

 

*http://www.uniklinik-ulm.de/struktur/kliniken/kinder-und-jugendpsychiatriepsychotherapie/home/forschung/traumafolgen-bei-pflegekindern.html



CHIlDHOOD INTERN

 

So machen Sie einen Unterschied