Schutz gegen sexuellen Missbrauch in Institutionen – ein Anliegen der World Childhood Foundation

Seit Wochen sind die Schlagzeilen der deutschen Medien von Missbrauchsfällen bestimmt. Es sind schockierende Nachrichten. Für die Öffentlichkeit - aber nicht für all diejenigen, die sich täglich mit dem Thema Missbrauch an Kindern und Jugendlichen befassen. Die Experten kennen die Zahlen: Ca. 15.000 Kinder werden laut Bundeskriminalamt jedes Jahr in Deutschland sexuell missbraucht. Die Dunkelziffer soll zehnmal so hoch sein.

 

Die Politik, pädagogische Einrichtungen und die Kirche versprechen die vollständige Aufklärung der Fälle. Diskutiert werden verstärkt Präventionsmaßnahmen. Die aktuellen Fälle haben allen gezeigt, wie dringend notwendig Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen sind.

 

Die World Childhood Foundation arbeitet seit zehn Jahren aktiv gegen Kindesmissbrauch in der ganzen Welt. „Mit unseren Projekten helfen wir auf vielfältige Weise Kindern und Jugendlichen, die Opfer geworden sind, sagt Matthias Kleinert, Vorsitzender der World Childhood Foundation. Ein Hauptanliegen unserer Stiftung ist aber ebenso die Prävention. Unsere Projektpartner sind Experten auf diesem Gebiet. Sie erarbeiten seit vielen Jahren Programme, um Kinder erfolgreich vor sexuellem Missbrauch zu schützen. Ich würde mir wünschen, dass die von uns geförderten Projekte in diesen Tagen genauso viel Aufmerksamkeit bekommen, wie die schlimmen Vorkommnisse, die jetzt aufgedeckt werden", betont Matthias Kleinert.

 

„Es ist vor allem wichtig, die Kinder zu stärken"

Sigrid Richter-Unger ist Mitglied im Projektausschuss von Childhood Deutschland und Leiterin der Beratungsstelle Kind im Zentrum in Berlin. Zu den aktuellen Fällen sagt sie: „Nachdem bereits in anderen Ländern derartige Fälle sexuellen Missbrauchs in Institutionen in großem Ausmaß bekannt wurden, überrascht es die Fachwelt nicht, dass derartige Fälle nun auch in Deutschland öffentlich werden. Hilfe für die damaligen Opfer ist wichtig, gleichzeitig müssen wir heute Kinder präventiv vor sexuellem Missbrauch schützen. Dazu gehören eine Erziehung zu Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein und ein achtsamer und liebevoller Umgang mit unseren Kindern. Deshalb sollten Präventionsangebote, die Eltern, Lehrer und Erzieher in ihre Programme einbeziehen, verstärkt und ausgebaut werden."

 

Deutsche Präventionsprojekte von Childhood

„berliner jungs" nennt sich ein von Childhood gefördertes Projekt in Berlin. Der Verein Hilfe für Jungs hat ein Präventionsmodell erarbeitet, das Jungen zeigt, wie sie sich gegen Missbrauch schützen können. In einem interaktiven Theaterstück lernen Jungen zwischen 9 und 15 Jahren Warnsignale zu erkennen. Der Workshop »VerFührerschein« hilft ihnen, die subtilen Methoden von pädosexuellen Tätern zu durchschauen. Mit ihrem Workshop gehen die »berliner jungs« in Institutionen, Einrichtungen und Schulen.

 

Auch die Beratungsstelle von Kind im Zentrum arbeitet präventiv. Childhood förderte 2008 ein Projekt zur Weiterbildung von Eltern und Erzieherinnen in der psychosexuellen Entwicklung von Kindern im Alter von 1 – 6 Jahren. Ziel dieses Angebots war es, die Pädagoginnen und Eltern über die sexuelle Entwicklung der Kinder zu informieren. Aus der therapeutischen Arbeit mit missbrauchten Kindern wissen die Experten von KiZ, dass ausreichende altersangemessene Aufklärung über den eigenen Körper und die Erziehung zu liebevollem und respektvollem Umgang miteinander wichtige Beiträge zur Prävention von Missbrauch sind.

 

In Simmern am Hunsrück arbeitet das Präventionsbüro gegen sexualisierte Gewalt an Kinder und Jugendliche seit letztem Jahr mit Unterstützung von Childhood. Das Team bietet Kurse für Kinder aller Altersklassen in Kindertagesstätten, Schulen und Jugendeinrichtungen an. Auch Eltern und Pädagogen werden Fortbildungskurse angeboten.

 

Mit Hilfe von Childhood hat der Verein Strohhalm in Berlin ein Pilotprojekt zur inter-kulturellen Präventionsarbeit gegen sexuellen Missbrauch durchgeführt. Im sozialen Brennpunktviertel Rollberg in Berlin Neukölln wurden Kinder von einer türkisch-stämmigen Fachkraft mit einer Ausstellung, Workshops sowie durch Multiplikatorenarbeit mit Eltern und Pädagogen gegen Missbrauch gestärkt. Mehrsprachige Elternbroschüren unterstützten diese Arbeit.

 

Internationale Präventionsprojekte von Childhood

In Russland fördert Childhood die Organisation MiraMed. In den Kinder- und Obdachlosenheimen von Moskau ist die Bereitschaft, sich um missbrauchte und von Kinderhandel betroffene Kinder zu kümmern, klein. Childhood fördert ein MiraMed-Projekt, das den Hilfeprozess für diese Kinder verbessern möchte. Das Projekt beinhaltet eine Ausbildung für Obdachlosen- und Kinderheimsleiter sowie für Beamte im Jugendbereich, professionelle Trainings, Supervision und Unterstützung sowie die Entwicklung eines Modells für medizinische Pflege. Speziell für die Polizei werden psychologische Trainings angeboten, ein Interviewraum für Kinder geschaffen und ein Handbuch für den Umgang mit traumatisierten Kindern publiziert.

 

In Weißrussland sind mehr als 9000 Kinder Waisen und leben in Heimen. Studien zeigen, dass viele Kinder vernachlässigt und missbraucht werden, auch in Heimen. Es gibt kein effektives System für die Behandlung sexuell missbrauchter Kinder und jeder Fall wird individuell und willkürlich bearbeitet. Der Bedarf an Wissen und neuen Methoden für die Behandlung und Vorbeugung von sexuellem Missbrauch an Kindern ist groß. Anfang 2009 startete Ponimanie ein Projekt mit dem Ziel, sexuell missbrauchten Kindern in Minsk eine neue Form der Betreuung und Beratung zu bieten. Am 1. Juni wurde das erste Interviewzimmer für missbrauchte Kinder eröffnet, für das als Grundlage das sogenannte Barnahusmodel diente. Im Barnahus (Kinderhaus) wird einem missbrauchten Kind volle Hilfe angeboten, von der Befragung bis zur Rehabilitation.

 

Child House (auch nach dem Barnahusmodel) in Litauen wurde 2002 gegründet, seitdem erfährt das Projekt Unterstützung von Childhood. In Vilnius konnte das Child House Dank der Förderung von Childhood zwei präventive Programme für Kinder in Schulen und Institutionen erarbeiten. Diese ermöglicht es den Kindern, sexuelle Übergriffe zu erkennen und nein zu sagen. Die Programme werden in enger Zusammenarbeit mit der Polizei durchgeführt.

 

Childhood fordert sinnvolle Prävention und ein Regelwerk für Institutionen

Matthias Kleinert: „Wir als Stiftung sind sehr froh, seit einem Jahrzehnt wichtige Projekte mit initiiert und unterstützt zu haben, die Kindern effektiven Schutz vor sexuellem Missbrauch bieten. Aber der Bedarf und die Nachfrage sind immens. Leider fehlen den meisten Trägern Mittel zur umfassenden und so notwendigen Vorsorge. Wenn die Politik jetzt überlegt, wie sinnvolle Prävention aussehen kann, so hoffe ich, dass endlich auch in gute, bereits bewährte Projekte für Kinder und Jugendliche investiert wird. Denn diese Präventionsprojekte haben Modellcharakter und könnten mit einer öffentlichen Förderung in ganz Deutschland verbreitet werden."

 

Misshandlungen und sexueller Missbrauch ereignen sich in Institutionen ( Internaten, Heimen, Vereinen u. a. , in denen Kinder und Jugendliche leben oder sich regelmäßig aufhalten ) aufgrund der besonderen Nähe zwischen Erwachsenen und Kindern, kindlicher Unwissenheit und Abhängigkeit sowie der Autorität der Missbraucher und einer Mauer des Schweigens, die durch die Täter errichtet, durch die Institution geschützt und durch Angst, Scham- und Schuldgefühle der Missbrauchten aufrecht erhalten wird. Institutionen reagieren bei internem Bekanntwerden mit Geheimhalten und Vertuschen.

 

Prof. Dr. Joest Martinius, Mitglied des Kuratoriums der World Childhood Foundation, hat Regeln formuliert, die geeignet sind, in die Pflicht zur Aufdeckung und Meldung zu nehmen und sie darüber hinaus in die Lage zu versetzen, diese strafwürdigen Verbrechen an Kindern zu verhindern:

 

1. Schärfung des Bewusstseins: Pädophilie (Liebe zum Kind) ist eine verharmlosende Bezeichnung. Sexuelle Handlungen an Kindern sind sexuell motiviert. Pädosexualität ist die richtige Bezeichnung

 

2. Klare Verhaltensregeln innerhalb von Institutionen zum Umgang mit Verdachtsfällen (Konfrontation des Verdächtigten mit dem Verdacht und Beurlaubung bis zur Klärung, Einschaltung externe Beratung, ggf. Meldung an Staatsanwaltschaft)

 

3. Einrichtung präventiver Strukturen:

Vertrauensperson / Fachberatung außerhalb der Einrichtung, an die Kinder und Jugendliche sich wenden können

 

4. Behandlung des Problembereichs Missbrauch und Misshandlung im Grundschulunterricht

 

5. Aufklärung von Kindern und Eltern/Sorgeberechtigten bei Aufnahme in die

Einrichtung über dort vorhandene präventive Strukturen

 

6. Stellenbewerber im Vorstellungsgespräch nach einschlägigen Vorbelastungen fragen und schriftliche Information über ethische Position und praktische Vorgehensweisen in der Einrichtung aushändigen

 

7. Dienstanweisung mit Verhaltensregeln zu Distanz und Nähe im Umgang mit Kindern und Jugendlichen

 

8. Auf Missbrauch und/oder Misshandlung durch Jugendliche in der Einrichtung achten. Mitarbeiterschulung zur Früherkennung

 

9. Regionale Einrichtung von Therapieangeboten nach dem Berliner Modell für Männer mit pädosexueller Triebrichtung

 

 

 

 

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