MUT - WENN HILFE ZU DEN OPFERN KOMMT


Im Januar 2013 startete das Berliner Projekt mut vom Verein HILFE FÜR JUNGS. Die drei Buchstaben stehen für mobile unterstützende Traumahilfe. Dahinter steckt ein innovatives Projekt für Jungen, die Opfer sexueller Gewalt wurden. Das Neue daran: Die Hilfe kommt zu den Betroffenen und orientiert sich an deren Bedürfnissen. So werden Jungen erreicht, die sonst keinen Zugang zu professioneller Hilfe haben. Childhood war einer der "Geburtshelfer", hatte die Stiftung doch auch schon das Projekt berliner jungs des Vereins erfolgreich gefördert. Ralf Rötten, Projektleiter von HILFE FÜR JUNGS, über Herausforderungen und Erfolge von mut.

Herr Rötten, wie waren die vergangenen Monate?

Wenn ein neues Projekt initiiert wird, gibt es generell Herausforderungen im Zusammenhang mit der Projektfinanzierung und dem Angebotskontext. So müssen am Anfang ein Team aufgebaut, neue Mitarbeiter eingearbeitet und mit dem Beratungs- sowie Fortbildungsangebot für Multiplikatoren vertraut gemacht werden. Am Anfang wurden Kontakte zu Fachprojekten der Jugendhilfe und zu einzelnen kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen aufgenommen. Schon die ersten Reaktionen waren positiv. Dass die Zusammenarbeit gut funktionieren kann, zeigen Erfahrungsberichte aus anderen Städten. mut-Mitarbeiter reisten für Recherche und Austausch deutschlandweit zu Einrichtungen, die mit Jungen arbeiten, denen sexuelle Gewalt angetan wurde. Danach wurden Methoden bei mut auch noch einmal überarbeitet.

Wie werden die Hilfesangebote von mut angenommen?

Sehr gut. Zurzeit beraten wir 16 Jungen im Alter von acht bis 17 Jahren. Auch Heranwachsende, die als Kinder oder Jugendliche kommerziell sexuell ausgebeutet wurden, werden von uns betreut. Diese Jungen und jungen Männer kamen entweder über interne Vermittlung oder nach Projektvorstellungen bei einzelnen Trägern und Fachrunden zu uns. Einige Jungs meldeten sich auch von alleine; nach guten Erfahrungen bei den Projekten berliner jungs oder subway in den vergangenen Jahren.

Welches sind die Gründe für den Erfolg von mut?

mut wird von den Jungen so gut angenommen, weil Jungen die Räume der Interventionen (mit-) mutbestimmen, die wir gemeinsam betreten; örtlich und inhaltlich. Außerdem helfen wir schnell und unbürokratisch. Ort, Zeit, Dauer: Termine werden individuell gemacht. Wir richten uns nach den Bedürfnissen der Jungen.

mut wird von Fachkollegen gut angenommen, weil sie eine unbürokratische Hilfe für Jungen finden, die lange Wartezeiten auf  Therapieplätze überbrücken müssen. Zudem finden sie Hilfen für Jungen, die keine Therapie (mehr) machen möchten oder können.  

Wie sieht eigentlich die Projektarbeit im Alltag aus?

Wir müssen Folgendes voranstellen: Die Jungen die zurzeit bei mut angedockt haben, sind auf verschiedene Wege zu uns gemkommen. Es sind Jungen darunter, die starke Verhaltensauffälligkeiten zeigen, mit denen ihre Bezugspersonen schwer umgehen können. Andere haben vor Jahren bei berliner jungs Hilfe erhalten und sich erst jetzt mit den Folgen der sexuellen Gewalt auseinandersetzen können. Wiederum andere waren in der Szene der männlichen Prostitution unterwegs und setzen sich jetzt - während sie sich im Ablöseprozess befinden - mit ihrer Vergangenheit auseinander. Dann gibt es die, die keine Hilfen von Jugendämtern annehmen wollen oder können. Und dann helfen wir Jungen, die lange auf Therapieplätze warten müssen. Wir haben hier mal drei Beispiele (Anm: Namen geändert):

1. Der Junge ohne Ziel:

Viktor ist 24 Jahre alt und ging vom 16. Lebensjahr an anschaffen. Seine Eltern kamen während des Bürgerkriegs in Ex-Jugoslawien nach Deutshcland. Die Erlebnisse während des Krieges sind ein Familiengeheimnis. Die Eltern stritten sich permanent, die Scheidung verlief unter häuslicher Gewalt. Viktor geriet über Peers in die Stricherszene Berlins. Obwohl er - wie er sagt - nichts Schlimmes erlebt hat, dissoziierte er zwei Personen, die anschaffen gingen, Peter und Mario; und eine weitere Person, die er "den Jungen ohne Ziel" nennt. Drogen- und Alkoholkonsum beim Anschaffen führten zu einem Zusammenbruch und dem Beginn des Loslösungsprozesses von der Szene, bei dem mut ihn jetzt begleitet.

2. Der Junge, der das Internet liebt:

Mats ist 16 Jahre alt. Vor sechs Jahren erlebte er einen sexuellen Übergriff durch seinen Vater. Im Laufe des Strafverfahrens kam heraus, dass sein Vater schon öfter seinen "pädophilen Neigungen" nachgegangen war; er befindet sich heute in einer sondertherapeutischen Einrichtung eines Gefängnisses. Mats Mutter ist durch langjährige häusliche und sexuelle Gewalt psychisch erkrankt und steht aufgrund vieler Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken Psychotherapien skeptisch gegenüber. Auch Mats sagt, dass "der ganze Psychokram" nicht helfen würde. Aufgrund der schlimmen Erfahrungen im realen Leben fing Mats an, sich systematisch in das Internet zurückzuziehen. Ego-shooter-Spiele und Manga-Pornokonsum befriedigen seine Bedürfnisse nach Anerkennung und Sexualität. Der mobile Ansatz von mut ist die einzige von ihm akzeptierte Hilfsform.

3. Der Junge, der zum Schweigen erpresst wurde:

Tobias ist 15 Jahre alt und hat vom achten Lebensjahr an sexuelle Gewalt durch einen Freund seiner Mutter erlebt. Ihm hat er versprechen müssen, mit niemandem über das Erlebte zu reden. Zwar gab es ein Strafverfahren (der Täter wurde verurteilt), aber Tobias war aufgrund der Erpressung zum Schweigen nicht in der Lage, alle schlimmen Erlebnisse mitzuteilen. Diese haben konkrete Auswirkungen auf die Entwicklung des Jungen der Schuldistanz zeigte und häufig von Zuhause weglief. Über seine Probleme redet er bis heute nicht. mut bietet ihm jedoch eine non-verbale Beratungsmethode bezüglich der sexuellen Gewalterfahrung an, bei der er das Versprechen zum Schweigen einhalten, sich aber dennoch über das Erlebte mitteilen kann.

Herr Rötten, vielen Dank. Wir wünschen mut weiterhin viel Erfolg!


Berliner Jungs Plakat
Wenn Sie mehr erfahren wollen oder Hilfe brauchen: 





























Text: Christina Mänz
Fotos: Heiko Fredrich











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